"Perspektive: Regionale Geographien" - Auf zu neuen Ufern?!

„Perspektive: Regionale Geographien“ – unter diesem Motto stand die gemeinsame Tagung der Deutschen Akademie für Landeskunde und des Lehrstuhls Stadt- und Regionalentwicklung der Eberhard Karls Universität Tübingen, Forschungsbereich Geographie, die am 22. und 23. Februar 2018 in Tübingen stattfand. Anlass war die Frage nach der aktuellen Stellung des Regionalen innerhalb der deutschen Geographie, womit an langen und vielfältigen Diskussionsprozessen der letzten Jahrzehnte und Jahre angesetzt wurde – als ein „state of the art“ und „quo vadis?“. Entsprechend sollte die Tagung einen Rahmen bieten, um die Potenziale und möglichen Ausrichtungen „Regionaler Geographien“ analysieren und diskutieren zu können. Drei thematische Schwerpunkte widmeten sich theoretischen Zugängen, Praxen regionaler Geographien und zivilgesellschaftlichen Anforderungen.

Die Key Note von Anssi Paasi, Professor für Geographie an der Universität Oulu, der sich in einem konzeptionellen Vortrag Regionen, regionalen Identitäten und Grenzziehungen sowie praxisorientierten Beispielen widmete, sowie die sich anschließenden Beiträge boten vielfältigen Raum zur Diskussion des Stellenwertes des Regionalen in wissenschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Zusammenhängen und offenbarten gleichzeitig divergierende Grundprämissen, Zugänge und daraus resultierende Konsequenzen. Übergreifend wurde beobachtet, dass „regional“ zu forschen innerhalb der geographischen Forschung mit einem gewissen Bedeutungsverlust konfrontiert sei. „Landeskunde“ wird bis heute „gemacht“, aber eher getrennt vom „Wissenschaftlichen“ eingeordnet. Verschiedene Teilnehmer*innen identifizierten die Ursache dafür einerseits in einer immer stärker theoretisch-konzeptionell ausgerichteten Forschung, die zunehmend impact-orientiert erfolge, und andererseits in einer teils antiquierten Erscheinung „Regionaler Geographien“ mit der Gefahr von Essentialisierungen und räumlichen Kammerungen. Ergänzend wurden potenzielle Gefahrenfelder in einer politischen Instrumentalisierung des Regionalen gesehen. Gleichzeitig wurde konstatiert, dass „regionale Kenntnisse“ zunehmend verloren gingen, die für eine arbeitsmarktorientierte Ausbildung von Studierenden sowie für die gesellschaftliche Relevanz der Geographie nicht unterschätzt werden sollten. Entsprechend wurde in den Diskussionsrunden auch betont, dass „Regionale Geographien“ – ohne einer eindeutigen Definition zu folgen – eine hohe gesellschaftliche Anschlussfähigkeit bieten können. Daran anknüpfend wurde die Möglichkeit einer stärkeren Außenwahrnehmung der ansonsten teilweise diffus erscheinenden geographischen Disziplin identifiziert. Diese könnte etwa im Bildungssektor ein geeignetes Mittel der Profilschärfung des Schulfachs Geographie darstellen. Über allem bleibt allerdings die Frage, wie „regionale Geographien“ gefasst werden. Fast übergreifend wurde betont, dass es nicht um die Erforschung von „Regionen an sich“ oder die Ermittlung von Ursache-Wirkungs-Beziehungen, sondern um Konstruktionsprozesse ginge: Wie werden Regionen konstruiert? Welche Grenzziehungen finden statt? Welche politischen, planerischen, ökonomischen Implikationen und Normativitäten lassen sich differenzieren? Unter anderem im Zuge des Erstarkens einer „neuen Rechten“ wurde herausgestellt, dass die Geographie hier mit Analysen beitragen kann, Essentialisierungen zu hinterfragen und aufzubrechen.

So wie sich auch innerhalb der sozialwissenschaftlichen Landschaftsforschung Ausrichtungen in Richtung konstruktivistischer Sichtweisen verschoben haben, deuten sich innerhalb „regionaler Geographien“ Perspektivwechsel an, die diese keineswegs obsolet werden lassen, sondern veränderte Fragestellungen und Forschungszugänge mit sich bringen. In interdisziplinären Teams oder area studies wird der Geographie gerade „Raumkompetenz“ zugeschrieben, mit der ein Umgang jenseits von „Heimattümelei“ oder „eindeutigen Gebietsabgrenzungen“ zu finden ist – ein kontrovers diskutiertes Thema, das über die Tagung hinaus weiter zu debattieren sein wird.

Das Programm mit allen Angaben finden Sie hier. Wir danken herzlich Anssi Paasi sowie allen Referentinnen und Referenten für ihre gewinnbringenden Beiträge. Die lebhaften Diskussionen zeugten von der Relevanz der Auseinandersetzung.