Ausgrabungen in Schöningen (mit Schwerpunkt nach dem 01.06.2008)

Wissenschaftlicher Grabungsleiter Dr. Jordi Serangeli

 

Ein gemeinsames Projekt unter der Leitung der Universität Tübingen (Prof. Nicholas J. Conard, Ph.D.) und des Niedersächsischen Landesamts für Denkmalpflege Hannover (Dr. Stefan Winghart). 

 

Die Ausgrabungen in Schöningen werden vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur, vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und von der Universität Tübingen finanziert.

 

Weitere Informationen über das Projekt finden Sie sowohl auf den Seiten des Archäologieportals Niedersachsen, als auch auf denn Webseiten des Fördervereins Schöninger Speere

Lage

Die Stadt Schöningen im Landkreis Helmstedt liegt etwa 100 km östlich von Hannover und 170 km westlich von Berlin im südöstlichen Niedersachsen (erreichbar von der A2 Ausfahrt 63, Marienborn/Helmstedt oder Ausfahrt 61, Helmstedt West (Abb. 1)).

 

Sie befindet sich am Höhenzug des Elm, zwischen den Mittelgebirgen im Süden und der norddeutschen Tiefebene. Eine stark differenzierte Landschaft, fruchtbare Lößböden, Salzvorkommen, die verkehrsgünstige Lage nördlich der Mittelgebirge, sowie die Nähe zum Harz und seinen Erzvorkommen machten die Region für den Menschen schon früh zu einem attraktiven Siedlungsgebiet.

 

Seit der Industrialisierung hat der Braunkohletagebau die Landschaft östlich der Stadt überprägt.

 

Nach der Teilung Deutschlands als Folge des zweiten Weltkrieges lag Schöningen direkt an der westlichen Seite der Deutsch-Deutschen Grenze. In Hötensleben ist ein Teil der „Mauer“ als Grenzdenkmal erhalten.

 

Interessante archäologische Fundstellen aus dieser Region:

Ältere Urgeschichte

  1. Hundisburg, Landkreis Börde, Saalezeitliches Mittelpaläolithikum. Eine Fundstelle, die von Stefan Ertmer ausgegraben wird.
  2. Salzgitter-Lebenstedt, eine Mittelpaläolithische Fundstelle mit mehreren Knochenartefakten.

Jungere Urgeschichte 

  1. Mehrere neolithischen Erdwerke, die vor kurzem von Michael Geschwinde und Dirk Raetzel-Fabian in einer Monographie publiziert wurden.
  2. Die Lübbensteine bei Helmstedt, zwei Megalithgräber der Trichterbecherkultur.
  3. Die Hüneburg bei Watenstedt, Landkreis Helmstedt, eine bronzezeitliche Siedlung, die von Dr. Immo Heske, Universität Göttingen, untersucht wird.

Mittelalterarchäologie

  1. die Mittelalterlichen Siedlungen von Petersteich bei Süppligenburg, die von der Kreisarchäologin Dr. Monika Bernatzky untersucht werden.
  2. die Kaiserpfalz Werla, Landkreis Wolfenbüttel.


Museen in der Nähen von Schöningen

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Forschungsgeschichte

Diese Region war, dank des Engagements einiger Bürger aus der Region (unter denen sei hier Hans Germer erwähnt), die im Laufe der Jahrzehnte immer wieder auf vorgeschichtliche Funde Aufmerksam reagiert haben, seit langem archäologisch bekannt. Als geplant wurde den Tagebau Schöningen zu fördern, übernahm das Landesamt für Denkmalpflege in den Jahren 1981/82 mit den Rettungsgrabungen an der bandkeramischen Siedlung von Esbeck 1 die Grabungsleitung. Zahlreiche weitere Funde und damit einhergehende kleinere Ausgrabungen verdeutlichten, dass eine ständige archäologische Begleitung des Braunkohleabbaus notwendig war. Unter der Leitung von Dr. H. Thieme wurde daraufhin am Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege (NLD) das Projekt „Archäologische Schwerpunktuntersuchungen im Helmstedter Braunkohlerevier (ASHB)“ ins Leben gerufen. Im Laufe der letzten 27 Jahre wurde eine Fläche von ca. 6 km² untersucht. Zahlreiche Fundstellen aus dem Neolithikum, der Bronzezeit und der Eisenzeit konnten entdeckt und ausgegraben werden. Die Bearbeitung dieser vielfältigen Funde dauert noch heute an.

 

1992 wurden im Tagebaufeld Süd erstmals an der Fundstelle Schöningen 12 B altpaläolithische Schichten gefunden. Im Mai des Jahres 1994 folgte dann die Entdeckung des Fundplatzes Schöningen 13 I und bereits wenige Monate später die Auffindung des ersten Holzartefaktes an der Fundstelle 13 II, dem Wildpferdjagdlager, an dem der Schwerpunkt der archäologischen Untersuchungen in den Jahren 1994 bis 2007 lag.

 

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Die Ausgrabungen

Von 2008 bis 2010 wurde die Landbrücke (Abb 2) zwischen dem südlichen und nördlichen Tagebaufeld Schöningen abgebaut. An diesem Steg von ca. 300 m Breite und 1 km Länge wurden abbaubegleitende Grabungsmaßnahmen unter gemeinsamer Leitung vom NLD und der Universität Tübingen durchgeführt. Dabei konnten sowohl zahlreiche holozäne Funde und Befunde (Abb. 3), als auch 12 Grabungsflächen in 10-15 Meter Tiefe mit pleistozänen Funden dokumentiert werden. Diese Kooperation hat ab 2010, mit Unterstützung der DFG die Ausgrabungen an der Speerfundstelle 13II wieder aufgenommen.

 

Die Grabungsarbeiten laufen in der Regel von März bis Dezember.

 

Ausgräber und Ausgräberinnen werden ständig gesucht (Abb. 4).

 

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Geologie

Unter den holozänen Deckschichten befindet sich im Tagebau Schöningen eine einmalige quartäre Abfolge, die Ablagerungen der Weichsel-, Saale- und Elstereiszeit, sowie des Eem-Interglazials und von mindestens einer, vielleicht mehreren „Warmzeiten“ zwischen dem Elster- und dem Saalekomplex beinhaltet.

 

Unter den Schichten der Saale-Eiszeit und über der Elstergrundmoräne wurden zahlreiche organogene Ablagerungen entdeckt. Sie entstanden an einem See bzw. an einem Seeufer. Das feuchte, sauerstoffarme Milieu ermöglichte die hervorragende Erhaltung der organischen Materialien (u.a. Hölzer, Pollen und Makroreste). In einigen Bereichen wurden Lackprofile genommen (Abb. 5).

 

Für den sogenannten "Speerhorizont" geht man von einem Alter von mehr als 300.000 Jahre aus.

 

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Die Funde

Bei den Ausgrabungen auf dem DB-Pfeiler (Schöningen 12 I) so wie bei der jetzigen Grabung auf dem Sockel (Schöningen 13 II) kamen zahlreiche Knochen von Großsäugern (Abb. 6), einige geschlagene Knochen, einige Knochen mit einfachen und wiederholten Schnittspuren, Knochenartefakte, Steinartefakte, natürliche und bearbeitete Hölzer vor. Die Erhaltungsbedingungen für Mikrofauna, Muscheln, Amphibien- und Fischreste, so wie für Pollen, Samen und pflanzliche Makroreste sind in Schöningen hervorragend.

 

Der Bereich Paläo- und Archäozoologie wird durch Prof. Dr. Thijs van Kolfschoten von der Universität Leiden betreut, die Archäobotanik von Prof. Dr. Brigitte Urban, von der Universität Lüneburg und Tübingen. Derzeit bearbeitet Gerlinde Bigga M.A. das Thema “Pflanzliche Ressourcen und Ihre Nutzung seitens des prähistorischen Menschen. Untersuchungen an den altsteinzeitlichen Fundstellen im Tagebau Schöningen“ als Dissertation.


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Ausstellungen

Nachdem die Schöninger Speere vom 24. November 2007 bis zum 27. Juli 2008 im Mittelpunkt einer großen Landesausstellung in Braunschweig und Hannover standen, wurden sie auch in Stuttgart bei der Ausstellung Eiszeit. Kunst und Kultur (Abb. 7), in Frankfurt im Rahmen der Ausstellung Safari zum Urmenschen (Abb. 8) und derzeit in Halle bei der Ausstellung Elefantenreich thematisiert

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Im "paläon. Forschungs- und Erlebniszentrum Schöninger Speere" werden in einer Dauerausstellung die Originalfunde aus Schöningen ausgestellt.

Literatur

SERANGELI, J., KOLFSCHOTEN, TH. VAN 2010. Wechselbeziehung Mensch und Tier im Paläolithikum. Die Bedeutung von Schöningen. Archäologie in Niedersachsen 13, 2010, 27 – 31.

 

SERANGELI, J., BÖHNER, U., HILLGRUBER, K. F. 2010. Die pleistozänen Fundstellen in Schöningen. Tagungsunterlagen der 52. Tagung der Hugo Obermaier-Gesellschaft in Leipzig. 06. – 10. April 2010. Seiten 45 - 50. Erlangen: PrintCom oHG. [pdf]

Weiterführende Literatur

THIEME, H. (Hrsg.), 2007. Die Schöninger Speere: Mensch und Jagd vor 400 000 Jahren. Begleitbuch zur Niedersächsischen Landesausstellung im Braunschweigischen Landesmuseum vom 24.11.2007 bis 24.2.2008 und im Niedersächsischen Landesmuseum Hannover vom 28.3 bis 27.7.2008. Theiss-Verlag, Stuttgart/Hannover.


K.E. Behre (Hrsg.) 2012. Die chronologische Einordnung der paläolithischen Fundstellen von Schöningen. The chronological setting of the Palaeolithic sites of Schöningen. Forschungen zur Urgeschichte im Tagebau von Schöningen 1 (Mainz 2012).

 

Denkmalpflege Niedersachsen

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last Update: Aug. 2010