Der Hohle Fels

Hohle Fels von außen
Hohle Fels von außen

Der Hohle Fels im Achtal bei Schelklingen ist ein Schwammstotzen des Weißen Jura und liegt ca. 7 m über der heutigen Talaue der Ach. Durch seine Schichtenfolge, die das Mittelpaläolithikum und das Jungpaläolithikum umfasst, ist er für die Urgeschichtsforschung von besonderer Bedeutung. Erste Untersuchungen der Höhle fanden bereits im 19. Jahrhundert statt. Seit 1977 graben Mitarbeiter des Institutes für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters der Eberhard-Karls-Universität Tübingen in magdalénien- bis moustérienzeitlichen Horizonten. (Entdeckungsgeschichte des Hohle Fels)

 

 

Die Stratigrafie des Hohle Fels
Die Stratigrafie des Hohle Fels
Die Grabung 2008
Die Grabung 2008

Neben dem Subsistenz- und Siedlungsverhalten während des Mittel- und Jungpaläolithikums sowie der Umweltrekonstruktion ist vor allem der Übergang von Neandertaler zum anatomisch modernen Menschen im Fokus der Untersuchungen.

 

Mittelpaläolithikum

Steinartefakte des Mittelpaläolithikums
Steinartefakte des Mittelpaläolithikums

Die mittelpaläolithischen Schichten wurden aus grabungstechnischen Gründen bisher nur in einer kleinen Fläche untersucht. Unter den Funden aus den vier Schichten dieser Zeit sind Steinwerkzeuge, meist aus lokalem Jurahornstein hergestellt, unter denen sich kleine Levalloiskerne und Schaber finden. Einige wenige Knochen von Höhlenbären und Steinböcken weisen Schnittspuren auf. Auch Pferd, Rothirsch und Rentier gehörte zur Jagdbeute. Seltener als im Jungpaläolithikum kommt jedoch der Höhlenbär vor. Eine Besonderheit der Neandertaler Kultur ist das Fehlen von figürlicher Kunst, Musikinstrumenten und Schmuck sowie die Seltenheit von Werkzeugen aus organischem Material. Dieses Phänomen ist auch von anderen Fundplätzen in der Region bekannt.

 

Aurignacien

Symbolische Artefakte des Aurignacien
Symbolische Artefakte des Aurignacien

Im Aurignacien zielen die Steinbearbeitungstechnologien im Unterschied zu den Methoden der Neandertaler auf die Gewinnung von Klingen und Lamellen ab. Werkzeugformen wie Spitzklingen, Kiel- und Nasenkratzer sowie Kiel- und Bogenstichel treten auf. Zwar ist das vorherrschende Steinrohmaterial nach wie vor lokaler Jurahornstein, doch nimmt der Anteil ortsfremden Materials zu. Im Gegensatz zum Mittelpaläolithikum gibt es nun eine große Bandbreite an Werkzeugen aus organischen Materialien, also Knochen, Geweih und Elfenbein. Typisch sind Geschossspitzen mit gespaltener und einfacher Basis, Pfrieme und Glätter sowie deren Herstellungsabfälle. Als Jagdwild wurde Mammut, Pferd, Rentier und Steinbock bevorzugt, aber auch Knochen von Höhlenbär, Löwe und Wolf weisen Schnittspuren auf. Vor allem das plötzliche Auftreten von Kunst und Symbolik in Form von figürlichen Darstellungen, Flöten sowie Schmuck in großer Variationsbreite zeigt einen deutlichen kulturellen Unterschied zum Mittelpaläolithikum.

 

Die bisher ältesten Belege figürlicher Kunst und Musik weltweit stammen aus der archäologischen Schicht Vb des Hohle Fels. Hier wurden 2008 sechs Fragmente einer Frauendarstellung ohne Kopf aus Mammut Elfenbein ausgegraben. Die als „Venus vom Hohle Fels“ bezeichnete Frauenfigur ist 5,97 cm lang. Nur 70 cm davon entfernt wurden 12 Fragmente einer Flöte gefunden, die aus der Speiche eines Gänsegeiers hergestellt worden war. Mit intaktem Mundstück, fünf Grifflöchern und einer Gesamtlänge von 21,8 cm, ist die Flöte die bislang am besten erhaltene aus der Zeit des Aurignacien. Drei weitere Elfenbein-Figurinen stammen aus dem Aurignacien des Hohle Fels. Dabei handelt es sich um einen Pferdekopf, einen kleinen ‚Löwenmenschen’ und einen Wasservogel.

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Gravettien

Funde des Gravettien
Funde des Gravettien

Neben der menschlichen Besiedlung wurde die Höhle zu jeder Zeit auch von Höhlenbären als Schlafplatz für die Winterruhe genutzt. Als Beleg für eine erfolgreiche Jagd auf Höhlenbären, wurde aus dem Gravettien ein Brustwirbel eines Höhlenbären mit dort verbliebenem Steinprojektil gefunden, bisher, neben Schnittspuren, der einzige Nachweis für Höhlenbärenjagd überhaupt. Im Prozessus transversus eines Brustwirbels steckt noch die abgebrochene Silex Spitze der Bewehrung eines Speeres oder einer Lanze und auf dem Dornfortsatz befinden sich zwei parallele Schnittspuren, die zeigen, dass die Jagd erfolgreich war. Im Gravettien wurde als Rohmaterial für die Steinwerkzeugherstellung vermehrt roter und grüner Radiolarit verwendet, jedoch überwiegt weiterhin lokaler Jurahornstein. Unter den Werkzeugen sind vor allem Kratzer und Stichel zu finden. Aus den massiven, gespaltenen Rippen von Mammuts wurden Speerspitzen, Pfriemen und Glätter gefertigt und Lochstäbe aus Rentiergeweih kommen vor. Unter dem Schmuck kommen besonders häufig tropfenförmige Anhänger aus Elfenbein vor, aber auch durchlochte Tierzähne und vereinzelt fossile Schnecken.

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Magdalénien

Funde des Magdalénien
Funde des Magdalénien

Die Anteile der verschiedenen Rohmaterialien verändern sich im Magdalénien signifikant. Neben dem lokalen Jurahornstein und rotem wie grünem Radiolarit kommen auch Kieseltuff vom Randecker Maar und Muschelkalkhornstein, aber auch Plattenhornstein aus dem fränkischen Jura vor. Vereinzelte Artefakte aus Blutjaspis weisen in das Gebiet am Oberrhein. Das Werkzeuginventar beinhaltet, neben zahlreichen Rückenmessern auch Rückenspitzen, unter anderem Kratzer, Stichel und viele Bohrer. Unter den Artefakten aus organischem Rohmaterial finden sich Spitzen sowie Harpunen und aus Knochen wurden Nähnadeln und Pfrieme gefertigt. In der Schmuckherstellung fanden besonders Gagat, Mollusken und Rentierschneidezähne Verwendung. Darüber hinaus konnten mehrere bemalte Steine geborgen werden. Vier davon wurden mit doppelreihigen Punktmustern versehen.

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Laufende Arbeiten

Jährlich finden in den Sommermonaten Juni bis August sechs- bis achtwöchige Ausgrabungen im Hohle Fels statt, an denen internationale Fachstudenten teilnehmen. Bei Interesse an einer Teilnahme bitte Maria Malina kontaktieren.

 

Die Grabungsmannschaft 2011
Die Grabungsmannschaft 2011

Dissertationen

Doktorarbeit Andreas Taller: Das Magdalénien des Hohle Fels.

 

Arbeitstitel der Doktorarbeit Sibylle Wolf: Die Elfenbeinbearbeitung im Aurignacien der Schwäbischen Alb.


Die Arbeiten wären nicht möglich ohne die finanzielle und logistische Unterstützung der Firma HeidelbergCement AG Werk Schelklingen, der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, des Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg, der Museumsgesellschaft Schelklingen, der Stadt Schelklingen, der Gesellschaft für Urgeschichte und der Stadt Blaubeuren.

 

Ausgewählte Literatur

Barth, M.M., Conard, N.J. & Münzel, S.C. (2009): Palaeolithic subsistence and organic technology in the Swabian Jura. In L. Fontana, F.-X. Chauvière & A. Bridault (eds), In search of Total Animal Exploitation. Cases Studies in Upper Palaeolithic and Mesolithic. Proceedings of the XVth UISPP World Congress, Lisbon, 4-9 September 2006, Session C 61, vol. 42, Oxford, J. & E. Hedges (BAR International Series 2040), 5-20. [pdf]

 

Conard N.J. & Bolus M. (2008): Radiocarbon dating the late Middle Paleolithic and the Aurignacian of the Swabian Jura. Journal of Human Evolution 55, 886–897. [pdf]

 

Conard, N.J. & Malina, M. (2010): Neue Belege für Malerei aus dem Magdalénien vom Hohle Fels. Archäologische Ausgrabungen Baden-Württemberg 2009. Theiss Verlag, Stuttgart, 19-22.

 

Conard, N.J., Malina, M. & Münzel, S.C. (2009): New flutes document the earliest musical tradition in southwestern Germany. Nature Vol. 460, 737-740. [pdf]

 

Conard, N.J. & Malina, M. (2009): Spektakuläre Funde aus dem unteren Aurignacien vom Hohle Fels bei Schelklingen, Alb-Donau-Kreis. Archäologische Ausgrabungen Baden-Württemberg 2008, 19-22.

 

Conard, N.J. & Malina, M. (2008): Die Ausgrabung 2007 im Hohle Fels bei Schelklingen, Alb-Donau-Kreis, und neue Einblicke in die Anfänge des Jungpaläolithikums. Archäologische Ausgrabungen Baden-Württemberg 2007, 17-20.

 

Münzel S.C., Stiller M., Hofreiter M., Mittnik A., Conard N.J. & Bocherens H. (in press): Pleistocene bears in the Swabian Jura (Germany): Genetic replacement, ecological displacement, extinctions and survival. Quaternary International xxx (2011) 1-13. [pdf]

 

Münzel, S.C. & Conard, N.J. (2004a): Change and Continuity in Subsistence during the Middle and Upper Palaeolithic in the Ach Valley of Swabia (South-west Germany). Int. J. Osteoarchaeol. 14, 225–243. [pdf]

 

Münzel, S.C. & Conard, N.J. (2004b): Cave bear hunting in Hohle Fels Cave in the Ach Valley of the Swabian Jura. Revue de Paléobiologie, Genève (décembre 2004) 23 (2), 877-885. [pdf]

 

Schiegl, S., Goldberg, P., Pfretzschner, H.-U. & Conard N.J. (2003): Paleolithic Burnt Bone Horizons from the Swabian Jura: Distinguishing between In Situ Fireplaces and Dumping Areas. Geoarchaeology: An International Journal Vol. 18, No. 5, 541-565. [pdf]

 


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